Rezension


Roger Willemsens letzte Rede

Wer wir waren

Menschen und Intellektuelle wie der verstorbene Roger Willemsen fehlen unserem Land wie das Wasser der Wüste. Das spürt man wieder deutlich, wenn man die schmale Fassung seiner Zukunftsrede liest, die er eigentlich zu einem großen Buch unter dem Titel "Wer wir waren" veröffentlichen wollte. Aus der Perspektive der Zukunft wollte er die Gegenwart betrachten und das Nötige dazu sagen: "Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten."

Mit einer beeindruckenden Gabe der Beobachtung und glasklarer Analyse spricht er von einer neuen "Qualität der Flüchtigkeit" und hält trotz der tief melancholischen Stimmung seines Textes ein flammendes Plädoyer dafür, dass wir unser Sein in der Gegenwart wieder ernst nehmen, anstatt uns von einem Augenblick und einer Aufmerksamkeit zur nächsten zu hangeln und dabei immer oberflächlicher und leerer werden. Sein und aktiv sein in der Gegenwart, sich engagieren, kritisch selbst denken, die Zukunft aktiv mitgestalten, anstatt sie den Machern zu überlassen. Über die Gegenwart, auch die der eigenen Existenz, hinausdenken, Vorstellungen eines anderen Lebens entwickeln und auch umsetzen, sich nicht mehr fremdbestimmen lassen.

Das ist bei allem melancholischen Pessimismus, den die Rede doch ausstrahlt, das Plädoyer dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors. Jeden Augenblick des Lebens bewusst zu leben und zu gestalten - das ist die fast schon spirituelle Botschaft von Roger Willemsen.


Roger Willemsen
Insa Wilke (Hrsg.)
Wer wir waren
Zukunftsrede
Fischer 2016
64 Seiten, gebunden
EAN 978-3103972856
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