Rezension


Sisyphus Mensch

Die Welt ohne uns

Was passiert, wenn der Mensch plötzlich von der Erde verschwindet? Wie geht die Geschichte ohne uns weiter? Dieser hochinteressanten Frage, deren Beantwortung auch Rückschlüsse auf unser heutiges Verhalten nahe legen, geht Alan Weisman detailliert nach. Dabei blickt er nicht einfach in die Zukunft, sondern zieht Schlüsse aus der bisherigen Natur-Mensch-Geschichte, denn der Mensch hat der Erde in verschiedener Hinsicht seinen Stempel aufgedrückt. Arten sind wegen den Menschen verschwunden, ganze Ökosysteme wurden ausgehebelt, beispielsweise aufgrund eingeschleppter Arten, die in ihrer neuen Umgebung auf keinen natürlichen Widerstand stossen. Wandelt sich die Natur langsam zurück zu dem, was sie war, als der Mensch noch nicht so prägend war oder bleiben unauslöschliche menschliche Spuren zurück auch wenn der Mensch längst nicht mehr existiert?

Was passiert, wenn wir die Natur sich selber überlassen, kann jeder, der einen Garten hat, im Kleinen beantworten: Kaum machen wir nicht mehr jedem unerwünschten Gewächs den Garaus, nimmt das "Unkraut" schnell Überhand und verdrängt die liebevoll gepflegten, eventuell exotischen Pflanzen. Jede noch so kleine Ritze wird zur Heimat zahlloser Eindringlinge. So erobern Tiere und Pflanzen nicht nur den Garten, sondern auch unsere Wohnräume langsam aber sicher zurück. Was auf diesen und zahlreichen anderen Schauplätzen passieren wird, hat der preisgekrönte Journalist recherchiert. Das Fachwissen, das ihm als Nicht-Wissenschaftler fehlt, hat er sich bei Fachleuten, darunter Paläontologen, Biologen, Geologen, Physiker, Architekten und Ingenieure, beschafft. Der journalistische Background des Autors tut dem Buch gut. Es liest sich flott und ist für Laien gut verständlich. Unter so schön klaren Kapitelüberschriften wie "Was bleibt?", "Was zerfällt?", "Welt ohne Krieg", "Strahlendes Vermächtnis" oder "Von der Unvergänglichkeit der Polymere" legt Weisman dar, wie prägend respektive nachhaltig der menschliche Einfluss ist. Nebenbei erfährt der Leser dank zahlreicher Exkurse in die Vergangenheit viel über die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Weisman hat zudem einige höchst interessante Flecken auf der Erde entdeckt, wo verschiedene Aspekte veranschaulicht werden: Beispielsweise ein ehemaliger Touristenort auf Zypern, der aufgrund des Konflikts zwischen Griechen und Türken zur Geisterstadt wurde und erstaunlich schnell zerfällt. Oder ein Urwald, der sich über die polnisch-russische Grenze erstreckt und nur aufgrund der speziellen Geschichte so ursprünglich erhalten werden konnte. Weisman erzählt so farbig und anschaulich, dass man das Gefühl kriegt, selber gerade auf Reisen zu sein.

Der Autor beschäftigt sich in seinem Buch mit einer typisch menschlichen Frage. Wer sonst würde sich überlegen, was passiert, wenn er nicht mehr ist? Der Mensch, der sich schon immer gerne von der Natur abgegrenzt hat, obwohl er eigentlich nichts anderes ist als eine Spezies, die die Natur hervorgebracht hat, bleibt aus der Sicht des Menschen auch nach seinem Verschwinden zentral. Dominant ist der Mensch, das ist ziemlich augenfällig. Dominant bis in alle Ewigkeit ist er aber nicht. Das ist spätestens nach der Lektüre des Buches klar. Auch wenn gewisse Dinge noch Jahrtausende überdauern werden, hartnäckiger und ausdauernder ist die Natur. Der Mensch ist eigentlich ein Sisyphus, der nur dank enormer Aufwendungen seine physischen Errungenschaften erhalten kann.


Die Welt ohne uns
Alan Weisman
Die Welt ohne uns
Reise über eine unbevölkerte Erde
Piper 2007
384 Seiten, gebunden
EAN 978-3492051323
Copyright 2018 by rezensionen.ch