Rezension


Die dunkle Seite der Sechziger

The Sect

Der harmlose, liebliche Einstieg mit "I’ve been through the desert on a horse with no name" und die dargestellten Hippies, die in Liebe miteinander umgehen, steht in starkem Kontrast zu dem, was in diesem Film dem Zuseher noch bevorsteht, denn es geht - ähnlich wie in Rosemarie’s Baby (Polanski) eine Trägerin für die Wiedergeburt Satans zu finden. Als ein wilder, bärtiger Sektenführer zu den Hippies stößt, zerstört er auch die Unschuld der Gemeinschaft, denn mit "Sympathy for the Devil" von den Rolling Stones trägt er auch das Böse der Sechziger in den Film hinein: "I suoi musica è solo per pocchi. Quando l’hai captito, poi andere a racogliere." Der Bärtige ist ein Sektenführer wie Charles Manson und versucht mit Hilfe eines Leichentuches von Satan die Wiedergeburt des Biests einzufädeln. "La nostra vendeta contro Dio. Nessuno ci fermarci adesso." Aber sie haben nicht mit der Trägerin des Babys gerechnet, Miriam (Kelly Curtis), die die Handlung im letzten Moment doch noch herumreißt.

Starrolle: White Rabbit

In den Siebzigern gab es die Legende, dass Ohrenschlüpfer tatsächlich in Ohren von Menschen schlüpfen würden und sich dort im Gehirn einnisten. Diese Legende greift "The Sect" genüsslich wieder auf und zeigt, was tatsächlich alles passieren kann, wenn einem ein Ohrenschlüpfer, ein Symbol für Fertilität laut Film, im Kopf herumspaziert. Nicht nur Dario Argentos Vorliebe für Tiere wird von Michele Soavi würdevoll imitiert und gepflegt, sondern auch die schrillen Bilder und obszönen Farben, die die Filme seines Vorbildes auszeichnen. So erwartet ein jeder in der Schlussszene eine brennende Pietá, doch die Wassergeburt aus dem Feusie weiß dann nicht, ob Gott sie gerettet hat oder der Teufel. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, welcher Ausgang ihm lieber wäre. Während des Films spielt auch ein Mitbewohner der Lehrerin Miriam eine wichtige Rolle: ein weißer Hase, dem der neue Mitbewohner, der komische alte Mann, gar nicht so richtig behagen will und am liebsten nicht nur den Fernsehkanal, sondern gleich die WG wechseln würde.

Grauen aus Brunnen

Der mysteriöse Moebius Kelly (Herbert Lom) wird von Miriam versehentlich angefahren und sie nimmt den alten Mann vorübergehend bei sich auf und wird alsbald als Werkzeug und Gefäß für die Pläne einer satanischen Sekte missbraucht. Eine wichtige Rolle spielen auch Traumsequenzen sowie der alte Brunnen, der aus dem Grauen zu den anderen spricht, wohl eingedenk Jean Genets Satz "Wer dem Grauen entkommen möchte, muss sich tief darin versenken". In einer Szene wird der Weg des Trinkwassers vom Keller in das Apartment von Miriam mit der Kamera mitgefilmt und dazu die entsprechenden Geräusche verabreicht. Das wirkt insgesamt ganz schön gruselig, wenn man denkt, dass es eigentlich nur um einen Schluck Wasser geht. Auch die Atmosphäre des Films ist sehr dunkel und erinnert an Argentos Meisterwerke aus den Siebzigern. Dario Argento-Zöglings Michele Soavi ("Aquaris", "The Church") hat "The Sect" mit Unterstützung des Altmeisters selbst inszeniert. Der Film ist auch bekannt unter den Titeln "La Setta" und "The Devil’s Daughter".


Michele Soavi (Regie)
Dario Argento (Bearbeitung)
The Sect
Koch Media 2016
117 Minuten, DVD und BluRay
EAN B01KJBU3MO
Extras
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