Rezension


Happy Birthday zum 60.!

Nick Cave - Mercy on Me

Nick Cave ist bereits größer als seine Legende geworden, denn jetzt gibt es sogar eine Graphic Novel über den Fürsten der Düsternis. Reinhard Kleist hat sich sogar mit ihm getroffen, um über sein Projekt zu beraten und herausgekommen ist eine Geschichte, die sich stark an seinen Songs und deren Lyrics sowie an den Orten, an denen er gelebt hat, orientiert. Folgerichtig ist das erste Kapitel dem Aufstieg des in Warracknabeal geborenen Australiers gewidmet, in dem sich seine ersten Bands noch The Boys Next Door und The Birthday Party nannten. Auch seine Muse, Anita Lane, die ihn schon früh zu größeren Taten inspirierte, kommt zu Wort, denn natürlich haben auch intelligente und schöne Frauen in Caves Leben eine wichtige Rolle gespielt. Besonders aber scheint ihn auch sein Vater inspiriert zu haben: der Literaturprofessor zeigte ihm die verwandelnde Kraft des geschriebenen Wortes: "Er wird zu einem anderen Mann. Die Worte machen ihn größer, erhabener."

Nick Cave, der Schreibtischtäter

Und genau das dürfte auch mit Nick Cave passiert sein, der durch seine Texte die Geschichte von Außenseitern erzählt und sich so zum Sprachrohr der Ausgestoßenen, Verrückten und Aussätzigen macht. An einer Stelle wird er gar scherzhaft als "Schreibtischtäter" bezeichnet, weil er seine düsteren Phantasien in seinen Songs oder Büchern auslebt. Im ersten seiner drei Romane spielt Euchrid Eucrow, ein stummer junger Mann, eine wichtige Rolle und er ist es auch, der den Erzählbogen von Kleists Graphic Novel spannt. Denn die Figuren die Cave erschaffen hat, erwachen in "Mercy on Me" zum Leben und wollen sich an ihrem Schöpfer - und damit ist jetzt nicht Kleist gemeint - rächen. Die verwandelnde Kraft der Literatur macht aus Nick Cave auch den Frontman der Band The Birthday Party, und das obwohl er gar nicht singen konnte. Mick Harvey kommentiert die Frage, warum denn ausgerechnet Nick singen würde, mit den Worten: "Weil er kein Instrument spielt, darum." Aber wer ihn jemals live bei einem Konzert gesehen hat, wird die verwandelnde Kraft der Literatur bald zu schätzen müssen, denn Nick Cave hat ein Charisma und eine Bühnenshow, für die er gar nicht singen können müsste.

"All Beauty Must Die!"

Natürlich beweist allein schon der erste Hit aus Rowlands Feder, den The Boys Next Door hatten, dass dem nicht so ist: "Shivers" heißt nicht nur so, sondern treibt einem tatsächlich kalte Schauer über den Rücken, so gut trifft Nick Cave als Sänger die Stimmlage des Selbstmörders in der Geschichte des Songs. Tracy Pew stammelt etwas von Dostojewskys Auslöschung in Schuld und Sühne und auch viele andere Stimmen kommen in diesem Comic, das allein einem Rockstar gewidmet ist, zu Wort. Lydia Lunch taucht auf und London wird ebenso besucht wie das Berlin vor dem Mauerfall. Nick Cave hat das alles live miterlebt: den Londoner Punk ebenso wie den Berliner New Wave aber vielmehr noch hat er die Strömungen auch mitgeprägt, denn seine Bands waren etwas ganz Besonderes, etwas Anderes. "King Ink" wird als Käfer wiedergeboren (Kafka lässt grüßen) und natürlich erzählt Kleist auch die Geschichten hinter den Songs. "All Beauty Must Die" heißt es in seinem ersten großen Hit mit seiner aktuellen Band The Bad Seeds und dennoch scheint es, als wäre Nick Cave schon eine halbe Ewigkeit "dabei". Im September dieses Jahres wird er 60, aber eine Legende ist er schon zu Lebzeiten und man kann nur hoffen, dass er diese noch lange überlebt. "Manche haben Angst vor der Veränderung, aber du, du hast mehr Angst, dass alles so bleibt, wie es ist, nicht wahr?"

Happy Birthday, Mr. Cave

An einer Stelle der Geschichte hängt Cave an den Seilen wie eine Marionettenpuppe, aber die Seile ziehen ihn nicht von oben hoch, sondern von unten runter. Das Publikum ist es, das ihm diese Energie gibt, die ihn scheinbar unsterblich macht. "Unsterblichkeit ist das Leben selbst, zu sein der einzige Grund", zitiert nun auch Nick Cave eingedenk des früh verstorbenen Bandkollegen Tracy Pew Dostojewsky und weiß um das Geheimnis seiner eigenen Legende. Eine schöne Huldigung an den Meister des Düsteren und Abgründigen. Ein schönes Geburtstagsgeschenk für den am 22. September 1957 geborenen.


von Juergen Weber 24. September 2017 Short URL https://goo.gl/7wDYhQ
Reinhard Kleist (Illustration)
Nick Cave - Mercy on Me
Carlsen 2017
328 Seiten, gebunden
EAN 978-3551764669
Copyright 2018 by rezensionen.ch