Rezension


Der Schatz, der jahrelang in einem Karton lag

Neues vom kleinen Nick

Für gewöhnlich werden Schätze in gesunkenen Schiffen gefunden, manchmal tauchen sie aber ganz zufällig von selbst auf - so wie die 80 Geschichten vom kleinen Nick. Diese nämlich fand Anne Goscinny, die Tochter vom René Goscinny (1926-1977), dem Texter der Kleinen-Nick-Geschichten (sowie der meisten Asterix- und Lucky-Luke-Comics), in einem Karton, beim Umzug vor gut vier Jahren. Dass dies geschehen ist, ist ein grosses Glück, denn diese Geschichten sind die beste Medizin gegen seelische Verstimmungen und schlechtes Wetter. An ihnen kann man sich kaum jemals satt lesen.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte des "Le petit Nicolas" vor über vier Jahrzehnten. Anfang der 60er-Jahre waren gut 160 Folgen des kleinen Nick in der französischen Regionalzeitung Sud-Ouest Dimanche abgedruckt worden. Wenige Jahre später wurden gut 80 Geschichten in fünf Bänden herausgebracht und in mehr als 30 Sprachen übersetzt und über acht Millionen Mal verkauft. Goscinny und Jean-Jacques Sempé (73), dessen Zeichnungen aus den Büchern nicht wegzudenken sind, hatten einen Welterfolg gelandet.

Abenteuer und Raufereien

Die nun ins Deutsche übertragenen 80 Geschichten - "Neues vom kleinen Nick" - reihen sich ein den Erzählkosmos, den Goscinny damals erschaffen hat. Wie schon in den fünf bisherigen Bänden erzählt der kleine Nick auf umwerfend komische Weise von kleinen Abenteuern und Raufereien mit seinen Schulfreunden. Und vom trauten Familienleben mit Papa, der nach der Arbeit in Ruhe seine Zeitung lesen will, und seiner Mama, die im Streit schon mal droht, zu ihrer Mutter zu ziehen.

Die meisten Figuren sind unverkennbar und haben klare Konturen. Wenn man nach Jahren wieder einmal eine solche Geschichte liest, erkennt man sie gleich wieder. Da ist etwa Otto, Nicks bester Freund, der ständig isst und schmierige Finger hat. Franz, der stärkste der Klasse, der die Fäuste sprechen lässt, um seinen Willen durchzusetzen. Und da ist natürlich Adalbert, "der dreckiger Ranschmeisser und Liebling unserer Lehrerin", dem die Mitschüler wegen seiner Brille keins auf die Nase geben dürfen.

Dank der nun übersetzten Geschichten gibt es nun für jede Figur wenigstens eine Geschichte, in der eine Figur aus ihren Handlungsklischees heraustritt, in der sie eine unerwartete, andere Seite zeigt. Als eines Morgens plötzlich eine Vertretung der Lehrerin vorne am Pult sitzt, mutiert Streber Adalbert zum durchschnittlichen Pauker und Chlodwig - der Klassenschlechteste, der ein Abo auf einen Platz in der Ecke gebucht hat - verwandelt sich schlagartig zum neuen Streber.

Entwaffnende Naivität

Der Charme der Geschichten liegt zu einem grossen Teil im unverkennbaren Erzählton des kleinen Nick. Nick erzählt - salopp gesagt - wie ihm der Schnabel gewachsen ist, wie ein kleiner Junge eben. Nicht alles ist in perfektem Deutsch formuliert, dafür wirkt es sehr authentisch.

Mit seinem entwaffnend naiven Kinderblick entlarvt der kleine Nick die Widersprüche der Erwachsenen. Seine Eltern mahnen ihn ständig, vernünftig zu sein. Er wird bestraft, weil er eine Lektion lernen muss, weil er sonst ein Nichtsnutz wird und auf die schiefe Bahn gerät. Aber am Schluss geben die Eltern halt doch immer wieder nach oder die Autorität der Erwachsenen wird auf andere Art untergraben. Ihr Anspruch, selbst vernünftig zu sein, wird ein ums andere Mal der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Erwachsenen sind halt doch oft nicht besser als die Kleinen - sie können nur besser so tun.


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