Rezension


Glauben heisst lieben

Mein Jenseits

Ein Buch beginnt mit dem Zitat "Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt." und hinterlässt einen fahlen Vor- und Nachgeschmack. Schade eigentlich, denn "Mein Jenseits" von Martin Walser hätte einen anderen Einstieg verdient.

Die Geschichte von Augustin Feinlein, der ab 63 Jahren mit dem Zählen der Geburtstage aufhört, beginnt äusserst unterhaltsam und auf eine versponnene Weise liebevoll. Thema ist das Älterwerden. "Mödelen", so Professor Feinlein, "ist eine Art Extra-Menschenrecht für Älterwerdende." Damit gemeint ist ein skurriles Benehmen, welches alle bemerken, "nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht." In der psychiatrischen Klinik, der Augustin Feinlein als Chef vorsteht, nennt man ihn - ganz den Erläuterungen zum Älterwerden folgend - leicht spöttisch und doch gut gemeint "alter Knabe". Teilweise hinter seinem Rücken und teilweise vor seinen Augen spekuliert der um Jahre jüngere Dr. Bruderhofer mit der Übernahme des Chefpostens. Unglücklicherweise ist es auch Dr. Bruderhofer, der mit Feinleins Liebe des Lebens, Eva Maria verheiratet und dadurch gerade doppelt dazu verdammt ist, Feinlein ein Dorn im Auge zu sein. Besagte Eva Maria schickt dem ehemaligen Geliebten regelmässig Postkarten mit Liebesgrüssen, welche Feinlein auch nach Jahren noch zu einer gewissen Hoffnung verleiten und ihn seinem Lebensmotto "Glauben heisst Lieben" folgen lassen.

Ganz allgemein hadert der alternde Professor mit dem irdischen Dasein, der Verlust von Eva Maria hinterlässt nachhaltig Spuren: "Ich habe durch die Wälder laufen müssen. Rennen müssen. Und schreien. Nicht laut schreien. Laut schreien liegt mir nicht. Leise habe ich schreien müssen. Tagelang. Und nächtelang. Und mich bekannt machen müssen mit der Aussichtslosigkeit." Der stumme Schrei nach etwas, was das Leben nicht zu bieten vermag, manifestiert sich denn auch in der immer gegenwärtigen Suche nach dem Jenseits. Feinlein lebt eine ganz private Religion - das Jenseits verkörpert sich in weltlichen Dingen und Gefühlszuständen - und widmet sich der Geschichte und dem Kult der Reliquienverehrung: Das Glaubenscredo ist dauerpräsent.

Die Novelle ist Teil eines gross angelegten Romans, welcher demnächst unter dem Titel "Muttersohn" erscheinen soll. Der 82jährige, mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnete Martin Walser legt mit "Mein Jenseits" ein sprachlich stimmiges Werk vor. Erinnerungswürdige Glaubensbekenntnis-Sätze wie "Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt." klingen auch nach der Lektüre noch im Ohr. Mit der etwas wirren, an die alternden Menschen des Einstiegs erinnernden, monologischen Erzählhaltung gewinnt Augustin Feinlein durchaus Sympathien. Vielleicht sind gerade diese Sympathien Grund dafür, weshalb man den Herren Feinlein und Walser die fehlende Struktur nicht richtig übel nimmt und die Abwesenheit einer solchen als Extra-Menschrecht für Älterwerdende toleriert. So oder so wird es für den Leser nach der anfänglichen Zitat-Drohung jedoch zum Problem, wenn es im zweitletzten Kapitel heisst: "Jetzt die Handlung. Sollte es mir bis hierher gelungen sein, meine Situation verständlich zu machen, ergibt sich dich Handlung von selbst." Schade, denn - obwohl Feinleins Situation durchaus nachvollziehbar ist - die Handlung ergibt sich auch bei erneutem Lesen schlicht nicht von selbst, zu ausgefallen ist die Idee eines Reliquiendiebstahls. Und doch gilt für das ganze Buch: "Die Anziehungskraft des Unerklärlichen ist die Macht des Unerklärlichen. Es gibt kein Entkommen. Das Unerklärliche ist immer schon, wo du bist."


Mein Jenseits
Martin Walser
Mein Jenseits
Berlin University Press 2010
119 Seiten, gebunden
EAN 978-3940432773
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