Rezension


Durch das Jahr in Haikus

Japanischer Taschenkalender

Erlebnis und Wertschätzung der Jahreszeiten erfülle seit den ältesten überlieferten Gedichtzeugnissen aus dem 8. Jahrhundert das Lebensgefühl der Japaner, schreibt der Herausgeber und was eignet sich da besser als Hommage als ein Japanischer Taschenkalender für das ganze Jahr. Die vorliegende Rezension bezieht sich auf die Ausgabe des Jahres 2017, aber bald erscheint schon die Fortsetzung für das folgende Kalenderjahr, das einem ähnlichen Aufbau folgt. Japan hat eine Vielzahl von Klimazonen und als Inselstaat die unterschiedlichsten Temperaturen egal zu welchen Jahreszeiten. Aber der Wandel der Natur steht beinahe für jeden Japaner im Zentrum seines Weltverständnisses, denn selbst die Haikus - die japanische Lyrik - unterliegen dem Rhythmus des Jahreszeitenwechsels. Allerdings gibt es hierfür strenge Regeln: 17 Silben und eine Aussage oder ein Motiv, das die Jahreszeit seiner Abfassung enthält gehören zu den Grundingredienzen eines Haiku. Im Zentrum steht die Flüchtigkeit des Augenblicks und die mit dem Haiku verbundene Verewigung dieses einen Moments.

Haikus des Meisters

Die Blütezeit der Haikus reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück, etwa die Lehrschrift Haikai shinshiki (1698) wird vom Herausgeber genannt, die, von Aoki Rosui verfasst, 2800 Jahrzeitenmotive aufweist. Wichtig dabei ist, dass jüngere Autoren oder Literaten immer auf dem bereits Gesagten aufbauen und sich auf vorherige Verfasser beziehen, um sie durch ihre eigenen individuellen Einsichten zu neuem Leben zu erwecken. Tradition spielt in Japan eben eine große Rolle und so werden auch jene Dichter geehrt, die längst nicht mehr am Leben sind, deren Worte aber immer noch Gültigkeit besitzen. Ein anderer Meister und Vollender der Haikus ist Matsuo Bashô (1644-1694), der eine eigene Verdichtung und Prägnanz aufweist, wie der Herausgeber betont. Haikai-shi (Haiku-Meister) war zu seinen Zeiten sogar ein Brotberuf. Die zehn bedeutendsten Schüler Bashôs werden auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern in zwei Bänden mit dem Titel "Shomon. Das Tor zur Bananenstaude" vorgestellt.

Tradition in Schattenbildern

"Zurück zu Bashô!" war dann die Forderung, mit der sich seine Schüler gegen Verkünstelung und Verflachung der Epigonen wandten. Der Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2017 resp. 2018 versammelt 53 Haiku von Bashô und seinen Schülern. Der Kalender hat mehrere Abbildungen aus dem Kageboshishu (Sammlung von Schattenbildern), der 1754 in Osaka erschien. Darstellungen von Pflanzen, Tieren, Alltagsgegenständen, Landschaften, Menschen und Genreszenen bis hin zum abstrahierenden Bild im Zen-Geist illustrieren diesen Kalender im praktischen Taschenformat, der in helles Leinentuch gebunden ist und für jede Woche des Jahres eine Seite für eigene Notizen bereithält. "Beim Lied der Nachtigall/Ein Mal ganz tief Luft geschöpft/auf dem Bergespfad", heißt der Haiku, der in der Woche der Entstehung dieser Rezension über einem Schattenbild eines Bergpfades abgedruckt und abgebildet ist.


Matsuo Bashô
Ekkehard May (Übersetzung)
Japanischer Taschenkalender
Mit 53 Haiku von Matsuo Bashô und seinen Meisterschülern
Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 2017
240 Seiten, gebunden
EAN 978-3871620874
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