Rezension


Ein frivoles Spiel

Ein Sommer

Die beiden Brüder Pierre und Jean treffen sich in Neapel. Beim Castel dell'Ovo oder beim Castel Nuovo? Am Telefon kann man die beiden Namen der Schlösser leicht verwechseln. Aber sie treffen sich doch und mit ihnen ihre Freundinnen Jeanne und Lone. Lone kommt aus dem Norden, aus Flekkefjord und sie ist noch nicht so lange mit Pierre zusammen. Dennoch lässt sie sich auf einen Segeltörn mit den beiden Brüdern und der ihr fremden Jeanne ein. Sie ist neugierig. Und sie will etwas erleben. Doch als es dann tatsächlich ein Geheimnis zu entdecken gibt, nimmt sie Reißaus. Und flieht zurück. Aber nicht nach Paris, sondern gleich ganz zurück. Nach Flekkefjord.

Blond, aber nicht dumm

Die blonde Lone spricht nur wenig Französisch, dennoch versucht sie, sich verständlich zu machen. Schnell wird sie dafür von Jeanne mit Verachtung gestraft, die glaubt, dass ihre Kommunikationsschwierigkeiten "ein allgemeines Unvermögen sei, Gedanken zu strukturieren, eine Absicht zu fassen und klar zu äußern". Aber natürlich sagen ihre Sprachschwierigkeiten nichts über ihre Intelligenz aus. Vielleicht ist eher Jeanne die Dumme, die sich einst zwischen zwei Brüder drängte. "Wir entfernten uns nicht allein von Neapel, sondern vom Festland überhaupt, von der festen, beruhigenden Erde", schreibt Almendros, der in seiner kurzen Geschichte Erinnerungen an zwei Filme wachruft, die eine ähnliche Situation beschreiben. Es ist keine "ménage à quattre", aber es passiert etwas zwischen den vier Menschen, die sich alleine auf hoher See befinden, so wie in René Cléments "Plein Soleil" mit Alain Delon oder dem unlängst erschienen "A Bigger Splash" von Luca Guadagnino, rezensionen.ch berichtete. Und natürlich hat jeder Film oder jedes Buch, das so nahe am Wasser schwimmt, ohnehin etwas mit "Swimmingpool" zu tun, oder etwa nicht?

Too young to die

Pierre liest beim Eincremen mit Sonnenmilch in den Muttermalen des Körpers vor ihm wie ein Blinder in Blindenschrift und erkennt langsam seine Besitzerin wieder: Jeanne. Aber auch auf Capri gibt es sonst nichts zu sehen. "Außer der Aussicht" natürlich, ja. Beim light Lunch vergisst er ganz auf Lone, die wohl nicht umsonst diesen Namen trägt. Kommt Lone von Lonely? Sie wollte sich nur kurz ein Eis holen und hat ihm sogar eines mitgebracht. Aber er ist nicht mehr da. Doch dann spielt König Zufall Regie und Pierre und Jeanne sind plötzlich ohne die anderen beiden. Jeanne trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Too young to die" und Pierre erkennt es wieder: er hatte es ihr einmal geschenkt.

"Ein Sommer" ist der perfekte Roman für die bevorstehende Saison. Er macht Lust auf das Leben, auf den Himmel und... Betrug! Ein frivoles Spiel des 1978 in Avignon geborenen Schriftstellers Vincent Almendros, der als "schönster Roman des Frühlings" mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde.


Vincent Almendros
Till Bardoux (Übersetzung)
Ein Sommer
Wagenbach 2017
Originalsprache: Französisch
96 Seiten, gebunden
EAN 978-3803113245
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