Rezension


Der Alltag des Schriftstellers in seiner doch nicht ganz so kleinen Welt

Der Alltag der Welt

Der Alltag der Welt ist ein altmodisches Buch. Da beschreibt jemand zwei Jahre seines Lebens, in denen erstaunlich wenig passiert, weshalb es der Autor für nötig hält, die wenigen eigenen Erlebnisse durch Geschichten anderer Menschen, Lebender und Toter, zu ergänzen. Noch erstaunlicher ist, dass dies funktioniert.

Gauß ist Schriftsteller. Bei diesem Beruf sitzt man meistens 'rum, denkt sich was aus, bringt es zu Papier oder haut es in die Tastatur - vorausgesetzt, es läuft gut. Läuft es nicht so gut, bleiben die Zeilen leer und der Bildschirm weiß. Dann geht man zum Briefkasten, schiebt einen Spaziergang ein oder schaltet den Fernseher an. Doch was bei normal Gelangweilten zu Pawlowschen Reflexen, hospitalistischen Anwandlungen und Abhängigkeit von der Fernbedienung führt, inspiriert Gauß zu literarischen Miniaturen, die durchaus als kleine Meisterwerke durchgehen.

Gauß schreibt noch Briefe. Also bekommt er auch welche. Von einem Johannes W. beispielsweise. Der ist Mitte achtzig und siech, hat in einem großen Konzern gearbeitet und als Hobby so intensiv geschriftstellert, dass am Ende seines Lebens sechs Prosabände, vier Gedichtsammlungen und tausend Seiten mit Kurztexten wie Lyrik, Reiseberichten und Aphorismen übrig sind. Der Briefkontakt vertieft sich. Bald weiß Gauß, er hat es mit einem literarisch ungewöhnlich begabten Zeitgenossen zu tun. Schließlich treffen sie sich in seinem Salzburger Haus. W. lässt seinen Nachlass zurück und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Einmal noch, das vereinbaren beide, wird Gauß von W. hören, posthum. Bis heute wartet er auf die Todesnachricht. Das ist höchst spannend geschrieben, immer wieder von Reflexionen und aktuellen Einschüben unterbrochen. Gauß verrät nichts über die Texte; auch nicht, was er nach W.s Tod mit ihnen anzufangen gedenkt. So verschwindet W. ebenso klammheimlich aus dem Gauß'schen Mikrokosmos, wie er dort hineingeraten ist.

Gauß geht noch spazieren. Meist führt es ihn auf den Marktplatz seiner Heimatstadt, wo er die Geschehnisse mit den eigenen ganz feinen Antennen wahrnimmt. Die wenigen Bettler im reichen Salzburg lassen ihn nicht ungerührt; und die Gedanken, die sich aus dieser Haltung ergeben, unterscheiden sich grundsätzlich von denen sonstiger Marktplatzfrequentierer. Als eine junge Standinhaberin, bei der Gauß regelmäßig einkauft, den Griff eines abgerissenen Stadtstreichers zum Käsewürfelprobierhaufen mit der Bemerkung begleitet, ihr zerlumpter Kundenschreck habe nur mehr einen einzigen Zahn in der Papp'n, aber zwei Stück Käse muss er haben, kanzelt er die Kommentatorin überraschend vulgär ab. Einem Rom - Angehöriger eines Volks, dem Gauß nach zahlreichen Südosteuropareisen eigentlich wohlgesonnen ist - schaut er nach dessen vergeblichem Bettelversuch und anschließenden Nazibeschimpfungen kurz in die Augen. Einen Moment lang meldet sich der Spießer im Bürger und erweckt in Gauß den Wunsch, die Polizei zu holen. Dann bleibt er doch stumm, lässt dem Gegenüber seine Freude am Provozieren und ihn mit seinem Nazigezeter allein.

Gauß sieht noch fern. Laut eigener Aussage zappt er sich täglich durch die Nachmittagsprogramme, offenbar ohne viel Inspiration zu erhalten. Vielleicht ist es nur die eine, doch lieber zum Buch zu greifen. Dies tut er ausgiebig, wovon seine immer wieder eingestreuten Empfehlungen mir völlig unbekannter Autoren zeugen. Juan Gelman, Dževad Karahasan, Sait Faik, Peer Hultberg oder Ardian Klosi sagten mir bislang nichts, doch wie gut müssen sie sein, wenn sich schon die kleinen Stücke über sie so verführerisch lesen! Natürlich kommen auch große Namen in Gauß' Alltagsbeschreibung vor, die Nobelpreisträger Wislawa Szymborska beispielsweise oder Patrick Modiano, der so unwider- wie unausstehliche Georg Kreisler oder der Philanthrop Carl Améry, der sich in einem Salzburger Hotel nicht das Leben nahm, sondern den Tod gab und bei dem die Liebe zu Stofftieren keinesfalls im Widerspruch zu seiner Abneigung gegen Kinder stand. Oder Marica Bodrožić. Die Lyrikerin, im Otto Müller Verlag beheimatet, dessen Haus zwischen Salzach und Hauptbahnhof auch Gauß' zweimonatliches Magazin Literatur und Kritik beherbergt, ist für jenen mit 25’000 Euro dotierten Literaturpreis vorgesehen, den Gauß, als ihn ein Jurymitglied anruft, anzunehmen nicht abgeneigt wäre, bis sich herausstellt, dass lediglich ein Laudator gesucht wird. Der für den Leser amüsante, Gaußens Eitelkeit und die Ambivalenz eines Schriftstellerdaseins entlarvende Dialog kommt in Gänze zur Darstellung.

Gauß' unaufgeregter, aber nicht unaufregender Einblick in zwei Jahre seines Alltags ist vergnüglichste Lektüre auf höchstem Niveau. Man fragt sich, wie dies bei einem so unauffälligen Titel geschehen kann. Die Antwort verrät Gauß eher beiläufig. Bei seinem vorletzten Buch hat er nach dem Materialsammeln und Niederschreiben ein weiteres Jahr gebraucht, um das fertige Manuskript von 240 auf 120 Seiten zu kürzen. Auch in seinem neuen Werk ist kein einziges Wort überflüssig. Nicht einmal das unflätige an die Marktstandbetreiberin.


Karl-Markus Gauß
Der Alltag der Welt
Zwei Jahre, und viele mehr
Zsolnay 2015
336 Seiten, gebunden
EAN 978-3552057333
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