Rezension


Mann ohne Glaube, Mann ohne Furcht

Daredevil

"Mein ganzes Leben besteht aus Lügen, die mir von Frauen erzählt wurden. Lügen, die meine Seele befleckt haben. Aber jetzt kommt die Stunde der Wahrheit und die tut bekanntlich weh. (...) Der Verrat liegt euch Frauen im Blut, nicht wahr? So war es schon im Garten Eden und so ist es bis heute - ihr habt die Kunst der Lüge und der Verführung seitdem von Generation zu Generation weitergegeben, Satan ist euer Vater...", erzürnt sich Daredevil gegen das andere Geschlecht und will sich ausgerechnet - stellvertretend - an seiner Ex-Freundig Black Widow rächen. "Sie waren mein Untergang. Schon immer. Das ist der Fluch der Murdock-Männer - wir lassen uns immer mit den falschen Frauen ein. Und es endet immer katastrophal" und es ist klar, an wen dieser Satz eigentlich adressiert ist: an seine Mutter. Auch sie spielt in dieser Geschichte um ein Findelkindbaby eine wichtige Rolle, die ihre Kulmination in einer Pietá-Abbildung zu dritt findet.

Zweifel im Glauben und die Sühne der Beichte

Das Verwirrspiel um die vermeintliche Wiedergeburt Satans ist natürlich eine Referenz auf eine bekannte Horrorfilmreihe, die der Autor und Filmer Kevin Smith (Clerks - die Ladenhüter) bestimmt alle gesehen hat. Seine Anspielungen an die Film- und Kunstgeschichte stellen das Sakrament der Sühne in den Mittelpunkt der Handlung: wer bereut, dem wird vergeben. Man muss eben nur beichten gehen. Aber worin besteht Matthew Murdocks Sünde? Im Zweifel? "Deine Vergangenheit in Liebesdingen war nicht gerade rosig, Matthew. Die Frauen, in die du dich verliebt hast, waren allesamt keine Heiligen. Das ging nicht spurlos an dir vorbei. Es hat dich vor allem sehr verletzbar gemacht", meint Black Widow alias Natasha zu dem einsamen Helden Daredevil, dem Sohn eines Boxers, der den Kampf gegen das Verbrechen trotz seiner Blindheit aufgenommen hat. "Denn ein Mann ohne Furcht ist ein Mann ohne Glaube. Und ein Mann ohne Glaube ist leicht zu zerstören", meint einer seiner Widersacher und bis zuletzt weiß man nicht, wer genau hinter der neuen Verschwörung gegen Daredevil steckt. Dieser muss viel einstecken, denn er verliert nicht nur eine seiner Liebsten, sondern hat auch sonst alle Hände voll zu tun. Kingpin, Bullseye und ein geheimnisvoller Fremder sind wieder mit dabei und auch Spiderman spricht ein paar tröstende Worte zu Daredevil, dessen Verzweiflung in der vorliegenden Graphic Novel förmlich spürbar wird.

Männer in Pyjamas und Strumpfhosen

"Dein ganzes Leben ist eine Kopie. Hattest du jemals einen eigenen Gedanken? Du bist das Produkt einer Überdosis Fernsehen - Du käust lediglich wieder, was es bereits gab. Du bist höchstens ein Plagiator", schmettert Daredevil seinem Widersacher entgegen, dessen Name hier nicht verraten wird, damit es bis zum Schluss spannend bleibt. Denn der Spannungsbogen hält tatsächlich bis auf die letzten Seiten an, auch wenn es nicht unbedingt einen überraschenden plot twist gibt. "Denn selbst wenn man sich seine Integrität bewahren kann, stehen die Chancen gut, dass das, was man seiner Seele erspart hat, früher oder später auf den Magen schlägt. Daredevil wird aus der Feder von Kevin Smith zu einem nachvollziehbaren, authentischen Helden, der selbst seine Zweifel und Probleme hat, nicht nur mit seiner Gesundheit. "Manchmal vergesse ich, den Blinden zu spielen. Kann ins Auge gehen." Eine Reise in den katholischen Glauben, wie man ihn noch nicht gekannt hat. Spürbar, fühlbar, echt. Ein großer Wurf des Filmregisseurs, der Marvel das Überleben gerettet hat, illustriert von den atemberaubenden Illustrationen (Gemälden!) von Joe Quesada. Für jeden Comic-Fan, der wert auf gute Stories legt, ein absolutes Muss.


Kevin Smith
Joe Quesada (Illustration)
Daredevil
In den Armen des Teufels
Panini Comics 2016
Originalsprache: Englisch
220 Seiten, broschiert
EAN 978-3957985798
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