Rezension


Hommage an das Land

Bretagne

"...als ich sah, wie Irène sichtlich sehr erregt mit einem verhaltenen Lächeln auf den geschwellten Lippen auf mich zukam", schreibt Julien Gracq (Louis Poirier) in seinem Tagebucheintrag vom 22. Juli in "Der Zauberspiegel von Roscaer" und verfällt sogleich in ein Lob der "göttlichen Reglosigkeit", wie sie nur bei Indianern zu sehen sei. Über deren Reglosigkeit der Maske, die bleibt, auch wenn "fortwährend die Blitze eines Gewitters zucken". "Irène hatte schon meinen Roman konfisziert und stach mit ihrem Sonnenschirm auf mich ein wie mit Banderillas", heißt es da weiter und wie könnte schöner ein Sommer nicht beginnen oder zu Ende gehen? "In der Stille der Nacht findet jeder seine normale, seine gemäßigte Atmung wieder.", selbst wenn eine Frau einen Sonnenschirm bedrohlich vor einem schwenkt.

Hommage an das Land

"Die Junge Adèle, der wahre Name des Glücks. Er heiratet Adèle, ja, bald. Der Hochzeitstag ist zuerst der Tag des Stapellaufs, der Taufe der beflaggten Gabarre. (...) Das war die traurige und Junge Adèle ein ungeliebtes, verstoßenes Schiff, der Kiel im Schlick versunken, der Vorsteven gen Ozean gestreckt. Ein Wrack, ja, aber auch das Glück der Knirpse, die niemals müde wurden, auf diesem erdigen, grasbewachsenen Deck die Herren zu spielen, in diesem Schiffsrumpf aus Eiche, der zum Sieb geworden war und wo große Tetanus-Nägel euch die Füße durchbohren.", schreibt Yann Queffélec in dem Kapitel "Meer" in seinem Beitrag "Die Sonne geht im Westen auf". Dem Meer sind auch einige lyrische Beiträge in vorliegender literarischen Einladung in die Bretagne gewidmet, aber auch ein ganzes Kapitel, das die Macht dieses Elementes beschwört. Im Guten wie im Schlechten.

Brunnen, Kresse und im Gras wälzen

Xavier Grall will in "Das geschundene Haus" endlich wieder nach der Zeit der Kirchturmglocken der Bretagne leben und nicht nach den Jukeboxen von Paris. "Und mich dürstete nach Brunnen, nach Quellen unter Kresse. Danach, mich im Gras zu wälzen. Mich den Sanden des Meeres anzubieten." Was gibt es für ein herrlicheres Geständnis, denn eine Hommage eines Städters an das Landleben? Weitere Geschichten, Gedichte und Auszüge aus Romanen stammen von Georges Perros, Guillevic, Alain Robbe-Grillet, Jean-Luc Bannalec, Jean-Pierre Abraham, Olivier Adam, Benoite Groult u.v.a.m. Die Gliederung dieser literarischen Einladung wurde vom Herausgeber Niklas Bender anhand folgender Begriffe vorgenommen: Ankunft und Wiederkehr, Meer, Hafen, Land und Leute, nochmals Hafen, Glaube, Identität und Abschied.


Niklas Bender
Bretagne
Eine literarische Einladung
Wagenbach 2017
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3803113238
Copyright 2018 by rezensionen.ch