Rezension


Berichte aus dem Herzen Afrikas

Gott und die Krokodile

Was weiss ich vom Kongo? Joseph Conrad, "Herz der Finsternis", vor vielen Jahren gelesen, keine Erinnerung. Und sonst? Riesiges Land. Krieg, seit vielen Jahren. Ungeheure Bodenschätze. Viel mehr ist da nicht, höchste Zeit also für informative Lektüre. Und die liefert Andrea Böhm. Doch sie tut mehr, viel mehr: sie klärt auf. Und sie tut das, indem sie beschreibt (talentiert und gekonnt),was sie erlebt, beobachtet und tut. Differenziert, erfrischend, mit Zuneigung und Humor.

"Und natürlich gibt es Rebellen. Sie machen nicht einmal ein Zehntel der Gesamtbevölkerung aus, was zeigt, wie nachhaltig wenige Menschen Schicksal und Schlagzeilen eines Landes bestimmen können, weil sie im Besitz einer Kalaschnikow sind. Darüber hinaus leben im Kongo rund 60 Millionen Nicht-Rebellen. Auch sie prägen die Geschichte des Landes."

Wohl wahr, obwohl, das ist ja so recht eigentlich überall so, dass nur wenige Schicksal und Schlagzeilen eines Landes bestimmen. Doch seien wir nicht pingelig, hier geht es jetzt für einmal um den Kongo, ein Land, von dem wir ausser Schlagzeilen (und diese haben fast nie etwas mit dem Land, sondern vorwiegend mit den Bedürfnissen der Medienmacher zu tun) selten mal was hören. Dass wir dabei auch etwas von den Geschichten hinter den Schlagzeilen erfahren (den massenhaften Vergewaltigungen von Frauen etwa) versteht sich und man ist froh drum.

"Regelmässig bereiste sie in den letzten Jahren den afrikanischen Kontinent und ist eine ausgewiesene Kennerin des Kongo", lässt uns der Verlag wissen. Bei diesen Reisen ist Andrea Böhm zum Beispiel auf den 'Judex Boxing' Club, der sich dann in den 'Club de la tête haute du Muhammad Ali' verwandelte, gestossen. Und auf das Symphonie-Orchester der Kimbanguisten, die sie als "musikalisch-religiöse Extremsportler" beschreibt: "... diese Barfuss-Symphoniker hatten auf ihren schlechten Instrumenten made in China bewiesen, dass Musik alle Landes- und Kulturgrenzen transzendieren konnte, wenn sie vom Leid, vom Schmerz und der Hoffnung auf Veränderung und Erlösung handelte." Und auf Monsieur Vicky, ihren Fahrer, "ein eher ängstlicher Mensch, von kleiner Statur, aber mit festen Ansichten." Und auf William Henry Sheppard alias Bope Mekabe, einen amerikanischen Missionar, der sich als "schwarzer Livingstone" verstand: "... was wusste ein Mann wie Sheppard Ende des 19. Jahrhunderts über dieses gerade erst per Federstrich geschaffene Land? Was konnte er wissen? Vermutlich nicht viel mehr, als damals in den sensationellen Berichten von Henry Morgan Stanley zu lesen war." Also nicht allzu viel, was die Autorin veranlasst, sich auf Sheppards Spuren zu machen ..."sass ich nun zusammengequetscht mit einem Dutzend Schicksalsgenossen im Auto eines eigentlich sehr sympathischen Menschen, der über eine kurvenreiche Sandpiste bretterte, und dessen Fahrzeug sich nach der nächsten Bodenwelle garantiert zerschlagen würde. Die Tachonadel zitterte bei 100 km/h, das mannshohe Gras peitschte links und rechts gegen die Fenster, und ich überlegte fieberhaft, warum Männer in Kriegs- und Krisengebieten beim Autofahren so gerne dem Tod hinterherrasten, dem sie bislang glücklich entkommen waren. Meine Mitfahrer nahmen die drohende Verkürzung ihrer Lebensdauer gelassen zur Kenntnis, bis auf die junge Nonne neben mir, die mit verschränkten Händen vermutlich ein Gebet vor sich hinmurmelte und beim nächsten Schlagloch mit dem Kopf gegen das Autodach knallte, weil sie sich nicht festhielt."

Sie trifft auf Willy Mubobo, einen kongolesischen Abgeordneten "mit bayerischem Einschlag", auf die ehemalige Mayi-Mayi-Kämpferin Kavira Santiche und ihren Sohn Baraka, bekannt geworden als Kindergeneral, und auf viele andere wie zum Beispiel den Motorradfahrer Georges, der "schaffte das selbst für kongolesische Verhältnisse bemerkenswerte Kunststück, auf fünfzig Kilometern durch den besagten schönen Urwald viermal mit kaputten Zündkerzen, dreimal mit gerissener Kette liegen zu bleiben und einmal mit mir unsanft im Gebüsch zu landen." Zudem berichtet sie über ihre Suche nach dem Dorf, in dem Lumumba (er hat kein Grab) gestorben war, über das Fliegen mit 'Air Monuc', die "transportierte Blauhelme, Baugerät, kongolesische Politiker, ausländische Delegationen und, wenn noch Plätze übrig waren, Journalisten. Auch solche, die regelmässig schrieben, die UN sei ein unprofessioneller, feiger Haufen - unfähig selbst die schlimmsten Gräueltaten zu verhindern" und und und ...

Andrea Böhm nimmt uns mit auf eine spannende, anregende, erhellende und witzige Entdeckungsreise (mit farbigen und schwarz/weiss Aufnahmen bebildert sowie mit einer Auswahlbiografie und einer Zeittafel versehen), bei der sie sich natürlich auch, das ist unvermeidlich bei der Begegnung mit fremden Kulturen, immer mal wieder Gedanken über ihre Herkunftskultur macht. Etwa als der Chor den vierten Satz aus Beethovens Neunter auf Deutsch singen sollte und ihr, der Besucherin, aufgetragen wird, den Chormitgliedern die rechte deutsche Aussprache beizubringen, was sie unter anderem zu folgender Überlegung bringt:
"Seid umschlungen, Millionen,
von diesem Kuss der ganzen Welt ...

'Kuuuuuus' sangen die 22 Tenöre immer wieder 'Kuuuuuus'. Ihre Zungen verweigerten das scharfe S. Was war das auch für eine Sprache, in der das Wort für eine Liebkosung wie ein Geschoss klang."

Fazit: Journalismus vom Feinsten.


Gott und die Krokodile
Andrea Böhm
Gott und die Krokodile
Eine Reise durch den Kongo
Pantheon 2011
272 Seiten, broschiert
EAN 978-3570551257
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